DAS Strandbad am Tegernsee

Eine Gruppe von Kurgästen kommt uns entgegen und vermischt sich am schmalen Weg entlang des Sees mit einer saudischen Familie, die staunend die Berge am Horizont begutachtet. Die Frauen schwarz gekleidet mit Gucci-Taschen, die Kinder mit I-Phones bewaffnet. Die beige gekleideten Kurgäste tragen identische Hüte. Eine typische Begegnung der dritten Art in Bad Wiessee, das, wie alle Orte am Ufer des Tegernsees, ein teures Pflaster ist. Die Münchner Schickeria in ihren SUVs, Politiker, Senioren und Celebrities haben am Tegernsee ihr Hangout. Mehr denn je vielleicht, denn die heile Welt ist hier noch – zumindest oberflächlich betrachtet – zu Hause. Die Bonzeritis am Tegernsee ist also ein normaler Daseinszustand.

Erbaut im Jahr 1933 verströmt das Strandbad einen nostalgischen Charme.

 

Gleichzeitig ist der See so etwas wie der Inbegriff Bayerns. Bei GNTL (Germanys Next Top Location) würde er jedes Mal gewinnen. Der See zählt zu den saubersten und schönsten seiner Heimat, hat eine maximale Tiefe von 73 m und eine Länge von 6,5 km. Im Gegensatz zu vielen anderen Seen sind die Ufer fast vollständig öffentlich zugängig.

 

An den idyllischen Stränden trifft klassisches Savoir-vivre auf hippe Rich-Kids-Kultur. Bikinis von D&G konkurrieren mit handverlesenen Edelstahl-Liegen der begüterten Kurgäste. Letztere kommen seit vierzig oder fünfzig Jahren hierher und haben sich an die Karawane der Moden und der Verrücktheiten gewöhnt. Die alpine Kulisse finden alle gleichermaßen sagenhaft und die innige Liebe und die Faszination zum glasklaren, türkisfarbenen Wasser verbinden.

Seit vielen Jahren gehöre ich, was den Tegernsee betrifft, zu der Fan-Gruppe der anonymen Münchener Sommergäste. Wir spielen keine große Rolle im hippen Szenepublikum, das hier seine Millionen-Häuser stehen hat und im Käferschen Gut Kaltenbrunn die Gläser zum Klingen bringt. Was mich und meine Mit-Ausflügler stattdessen reizt, ist das vielleicht schönste Strandbad der Welt oder zumindest von Oberbayern: das Grieblinger in Bad Wiessee (www.grieblinger.de) . Es besteht seit 1933 und hat sich seitdem kaum verändert. Das Bad ist ein liebevoll gepflegter Retro-Traum mit flacher Liegewiese, einem bildbandreifen Garten und Umkleidekabinen aus dunklem Holz. Klein, aber fein, familiengeführt und immer noch ein Geheimtipp, den nur wenige „Auswärtige“ kennen. Obwohl es eigentlich zu einem entzückenden Gästehaus im alten Stil gehört, ist das Strandbad für jedermann zugänglich.

Selbst an heißen Sommertagen ist nicht viel los. Die bunten Schirme kann man ausleihen. Rechts und links spenden Bäume Schatten.

 

Die Liegestühle sind gepflegte Originale aus den Seventies. Am Eingang hält man gern einen Plausch, bezahlt artig seine 3,50 Euro und leiht sich noch einen bunten Schirm dazu. Frischer Filterkaffee und Kuchen stehen am Eingang bereit. Draußen bleibt eine Welt, der all dies fehlt. Die Wiese ist groß genug für Sonnen- und Schattenanbeter. Alte Bäume säumen den Wiesenrand, darunter einige Obstbäume mit runden Wurfgeschossen. Wir liegen meist in der Mitte, schauen auf den glasklaren See, den Wallberg gegenüber und zählen die Enten, die unseren Proviant heimlich vorkosten. Meistens schlafe ich gleich ein, esse ein Eis oder denke an nichts. Das Paradies kann so einfach sein.

Der gepflegte Garten duftet nach Rosen und Lavendel. In der Mitte thront eine Palme.

 

Allerdings gibt es einen winzigen oder besser gesagt riesigen Wermutstropfen: Der Tegernsee ist eiskalt. Im Juli hofft man noch auf Besserung. Und im August sind es dann sensationelle 18 Grad. Als geborene Wasserratte würde ich mich gerne in die Fluten stürzen, aber die Zehen streiken und der Rest sowieso. Das ändert jedoch nichts an der innigen Liebe zu diesem surreal schönen See mit seinen sanften Wellen und einem Lebensgefühl, das, nun ja, ein bisschen kitschig und spießig ist. Aber wie soll man sich gegen so viel Charme wehren?

Die Wasserqualität des Tegernsees ist exzellent. Seine karibische Farbe steht leider im Kontrast zur Temperatur.

 

Und danach? Fahren wir in den kleinen Ort Tegernsee, der sein Leben lang „Zurück in die Zukunft“ spielt mit seinen mittelalterlichen und barocken Bauten, dem Kloster, den Villen, Palais und Brauereien. Hier trifft man sie wieder, den Jet Set aus Saudi-Arabien, die „gespickten“ Großbauern, die Kurgäste, die Dirndlträger. Das neuste Must-see vor Ort ist uns sehr ans Herz gewachsen. Im eleganten Schloss Tegernsee hat das Café „Aran – Brotgenuss und Kaffeekult“ eröffnet. Die hauseigene Konditorei und der sensationelle Blick auf den See allein wären schon ein Besuch wert. On top gefällt das moderne Interieur, das einen coolen Kontrast zur Schlossarchitektur bildet. Von der großen Terrasse aus liegt der Tegernsee wie ein blauer Spiegel ausgebreitet vor uns, die Sonne geht unter, das Idyll versinkt. Kitsch pur, natürlich!

Das Café Aran im alten Schloss Tegernsee bietet eine fantastische Aussicht auf den See.

 

 

 

 

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