DAS NIKODEMUS

EIN KULTLOKAL SCHREIBT MUSIKGESCHICHTE: DAS NIKODEMUS

Der beste Beweis, dass ein Kultlokal nicht mitten in Wien liegen muss, ist das NIKODEMUS in Purkersdorf, einem Vorort der Hauptstadt.
Seit vielen Jahren treffen sich dort nicht nur Künstler und Musiker, sondern viele interessante Menschen, die gerne in besonderer Atmosphäre gute Gespräche und leckeres Essen geniessen möchten.

Dahinter steckt viel Liebe und Leidenschaft und diese kommen direkt von Herzen, das Niki Neunteufel gehört, dem Chef vom Nikodemus.
Aufgewachsen in der Szene, weiß der heute 50jährige Gastronom, warum sein Lokal so erfolgreich geworden ist …….

Interview:

 

 

TheBloggerclan: Herr Neunteufel, wie fing das alles an mit Ihrem Gasthof Nikodemus und der Musik?

 

Niki Neunteufel: Eigentlich fing es mit Wolfgang Amadeus Mozart und seinem Vater an. Die beiden haben sich in diesem Gasthof zum Essen verabredet und dort auch das letzte Mal gesehen. Es gibt also eine musikalische Vorgeschichte. Unser Einkehrhof existiert bereits seit 1529 und befindet sich seit 200 Jahren in Familienbesitz.

 

TBC: Sie hatten in Ihrer Jugend eine sehr wilde Zeit.

NN: Ja, das stimmt, denn mit 19 Jahren bin ich ab in die USA, erst nach Kalifornien, dann nach Hawaii und Florida und schließlich nach Australien. Dort wollte ich eigentlich bleiben. Ende der Achtzigerjahre musste ich zurück nach Purkersdorf, weil mir die Arbeitsgenehmigung für Australien fehlte. Durch eine Schicksalsfügung habe ich dann Wolfgang Ambros kennengelernt, den damals größten Popstar Österreichs.

 

TBC: Waren Sie ein Fan von seiner Musik?

NN: Oh ja! In Australien arbeitete ich auf Baustellen und war oft mit dem LKW unterwegs. Ich besaß nur eine einzige alte Kassette, die ich immer einwarf und auf der Wolfgangs Musik zu hören war. Es gab also eine gewisse Affinität. Ansonsten war mein Geschmack durch die USA geprägt. Ich liebte zum Beispiel Guns n Roses, die in Europa damals noch keiner kannte.

 

 

TBC: Wie hat Wolfgang Ambros Sie in Purkersdorf unterstützt?

NN: Er hat mich in der Idee bestärkt, aus dem Gasthof ein Musikerlokal zu machen. Ich war ja erst 23 Jahre alt und ein naives Kind. Wolfgang stellte sich selbst hinter die Schanke, begrüßte die Gäste und knüpfte Kontakte zu anderen Musikern. Er war und ist ein richtiges Energiepaket. Rückblickend kann ich sagen, dass er der Schlüssel zum Erfolg war.

 

TBC: Welche Musiker kamen damals ins Nikodemus?

NN: Durch Wolfgang Ambros und Rudi Dolezal, einem Musikvideo-Regisseur, der öfters vorbeischaute, kamen tolle Leute rein, wie zum Beispiel Queen oder Falco. Für Falco blieb das Nikodemus bis zu seinem Tod 1998 sein Stammlokal.

 

TBC: Wie haben Sie Falco erlebt, was für ein Mensch war er?

NN: Wenn er nüchtern war, gab er sich introvertiert und ruhig. Dann hat er sich mit seiner Freundin lieber in den allerletzten Raum gesetzt. Mit mehr Alkohol ging er aus sich heraus. Bis um sechs Uhr morgens wurde gefeiert und Party gemacht.  Aus Falco wurde im Lauf der Zeit ein richtiger Freund.

 

 

 

TBC: Standen damals viele Fans vor der Tür?

NN: Natürlich kamen Leute vorbei, um sich die Promis anzuschauen. Aber das hielt sich im Rahmen. Wir haben immer darauf geachtet, dass die Musiker in Ruhe feiern konnten. Die Privatsphäre ist mir auch heute noch wichtig.

 

TBC: In Ihrem Lokal wurde sogar eine richtige Kultband gegründet.

NN: Ja, aktuell feiern wir das 20jährige Gründungsjubiläum des Trios Austria 3. Das war sehr aufregend. Wolfgang Ambros, Rainhard Fendrich und Georg Danzer probten zunächst unter strengster Geheimhaltung. Falco kam täglich neugierig vorbei, um zu schauen, was die drei Kollegen so treiben.

 

TBC: Wie kam es zu der Gründung der Band?

NN: Rainhard Fendrichs Bruder hatte eine Freundin, die an der Uni eine Arbeit über die Obdachlosen in Wien geschrieben hatte. Es entstand die Idee, ein einmaliges Charity-Konzert zu veranstalten. Das hat dann so Spaß gemacht, dass daraus eine dauerhafte Band entstand und damit das erfolgreichste österreichische Musikprojekt .

 

 

TBC: Auch Queen ist bei Ihnen aufgetreten.

NN: Queen hatte sich bereit erklärt, bei uns ein Privatkonzert zu geben, denn Rudi Dolezal feierte Geburtstag. Das war 1997. Eigentlich sollte Falco als Bassist mitspielen. Doch er schickte aus der Dominikanischen Republik ein Fax, dass er es nicht schafft, weil er an seinem Album arbeitete. Für ihn sprang Peter Maffay ein. Es war eine berauschende Party! In der Früh fragte mich mein Vater, ob ich die Neuigkeiten von Falco gehört hätte. Setzt dich hin, sagte er, der Hans kommt nicht mehr. In dieser Nacht hat sich alles überschnitten, das große Glück und das große Unglück.

 

TBC: Wie hat das Lokal all die wilden Partys überlebt?

NN:  Natürlich ist es öfters ausgeartet! Am nächsten Morgen war das Lokal dann renovierungsbedürftig. Auf den Clubkonzerten mit Nena, der Spider Murphy Gang oder mit Konstantin Wecker war richtig was los.

 

TBC: Waren die Zeiten damals wilder als heute?

NN: Ja, das war eine andere, wildere Zeit. Viele Dinge wurden nicht so eng gesehen, nicht so ernst genommen. Heute würde man daraus eine große Medienstory machen. Ich bin froh, dass ich dabei sein konnte und nicht das Gefühl habe, etwas verpasst zu haben.

 

TBC: Das eigentliche Restaurant spielte damals nur eine untergeordnete Rolle, oder?

NN: Bis 1998 war das Restaurant Nebensache. Das Nikodemus war eher eine Partylocation. Als ich dann Vater wurde, änderten sich die Dinge. Ich wollte den Gasthof auf erwachsene Beine stellen. Der Gasthof wurde gesetzter, gemütlicher und unter Anführungszeichen ordentlicher.

 

 

TBC: Warum sind Sie dann erstmal nach New York gegangen?

NN: Meine Frau und ich hatten starke Bindungen in die USA.  Die österreichische Regierung hat uns darum gebeten, im Uno-Headquarter das Land kulinarisch zu vertreten. Wir waren damit sehr erfolgreich, hatten prominente Gäste und eine tolle Zeit. Bis 2002 sind wir zwischen New York und Purkersdorf hin- und hergependelt, um schließlich wieder ganz zurückzukommen.

 

TBC: Wie hat sich der Gasthof geändert?

NN: Wir setzen vermehrt auf gute Kulinarik und auf kulturelle Events. Der Stadtsaal, der sich neben unserem Lokal befindet, fasst 500 Gäste. Dort fanden schon Lesungen mit Klaus Maria Brandauer und Senta Berger statt. Außerdem gibt es regelmäßig Kabarett-Veranstaltungen.  Diese Umstellung hat sich sehr bewährt und für uns alle gelohnt.

 

TBC: Außerdem veranstalten Sie große Festivals.

NN: Seit 2002 gibt es den Open Air Sommer vor unserer Haustür in der Fußgängerzone. Wir haben in Purkersdorf den musikbegeisterten Bürgermeister Karl Schlögl, der viel für österreichische Musik übrig hat und uns sehr unterstützt. Auf den Konzerten treten österreichische Stars auf wie Christine Stürmer, die EAV, Ostbahn Kurti, Wolfgang Ambros, Reinhardt Fendrich. Dann kamen auch internationale Künstler dazu wie Kim Wilde, Bonnie Tyler, Kool and the Gang und Manfred Mann. Nächstes Jahr wird Suzi Quatro kommen. Mittlerweile werden die Konzerte auch vom ORF übertragen. Das hätte ich mir damals mit 23 Jahren niemals träumen lassen!

 

TBC: Kümmern Sie sich allein um die Organisation und das Restaurant?

NN: Meine Frau und ich machen alles selbst! Unser Restaurant ist an fünf Abenden in der Woche geöffnet. Dazu kommen unsere Kulturveranstaltungen und dann der Purkersdorfer Open Air Sommer. Ich arbeite an der Front und meine Frau im Hintergrund. Viele Außenstehende glauben, dass eine große Marketingagentur mit vielen Leuten dahinter steckt. Aber wir sind super organisiert und wissen, wie es geht.

 

TBC: Auch das Thema Charity liegt Ihnen am Herzen.

NN: Seit 2002 sind wir sehr aktiv für „Licht ins Dunkel“. Das ist eine Charity-Organisation für behinderte Kinder in Österreich. Regelmäßig veranstalten wir Abende, an denen berühmte Leute bei uns kellnern und kochen, um Geld einzutreiben. Christina Stürmer, Reinhard Fendrich und Wolfgang Ambros sind immer wieder gerne dabei. Wir machen das seit über 15 Jahren und haben schon eine Millionen Euro eingespielt.

 

TBC: Für welche jungen Künstler interessieren Sie sich im Moment?

NN: Seit letzten Sommer habe ich Julian le Play für mich entdeckt. Ein großer Popstar! Norbert Schneider macht Tribute-Konzerte im Stil von Georg Danzer. Das freut mich besonders, dass junge Künstler die Musik meiner alten Freunde wieder entdecken und der Spirit weitergetragen wird.

 

TBC: Gibt es Unterschiede zwischen den damaligen und den heutigen Künstlern?

NN: Die Musiker heute sind besorgter und braver. Alle machen sich Gedanken über ihr Image und sie schauen genau, was auf Instagram und den anderen digitalen Medien passiert. Ein falsches Foto kann eine Katastrophe sein. Früher konnten sich die Künstler mehr austoben und mussten keine Angst haben, dass am nächsten Morgen alles online steht.

 

TBC: Wer war die größte Diva von all den Künstlern?

NN: Das kann ich gar nicht so sagen. Aber eins habe ich festgestellt: Je berühmter und internationaler ein Künstler ist, umso leichter verläuft die Begegnung mit ihm. Bei Promis wie Bonnie Tyler oder Kim Wilde war schon am Flughafen klar, dass das super entspannte Konzerte werden. Die Profis sparen sich die Allüren. Die meisten Probleme gibt es mit Künstlern aus der zweiten oder dritten Reihe.

 

TBC: Wie sieht Ihre Planung für die Zukunft aus?

NN: Ich bin gerade fünfzig Jahre alt geworden und fühle mich fit. Zum Zurückziehen ist es noch zu früh. Aber ich habe einen feschen, groß gewachsenen Sohn in der Warteschleife. Er kommt zu all meinen Konzerten, auch wenn er einen anderen Musikgeschmack hat. Er würde wahrscheinlich eher in ein Wanda Konzert gehen. Neben meiner alten Leidenschaft für Astro-Pop begeistere ich mich für junge deutsche Künstler wie Silbermond oder Andreas Bourani.  Und ich schaue mit Begeisterung „Sing meinen Song“. Die Jury-Mitglieder finde ich alle toll.

 

TBC: Wie sieht eigentlich das Nikodemus heute von innen aus?

NN: Man sieht auf den ersten Blick, dass es ein Musikerlokal ist. Die Decke ist zubetoniert mit Konzertplakaten. An den Wänden hängen alte Eintrittskarten und Bilder von Stars, z.B. von Falco. Zum Essen gibt es immer Musik. Ich finde es wichtig, dass auch viele junge Menschen kommen. Wir wollen nicht die Dinosaurier aus den Achtziger- oder Neunzigerjahren sein. Wir leben jetzt und sind jetzt aktiv.

 

TBC: Und was gibt es zu essen im Nikodemus?

NN:  Gerichte aus der Altwiener Küche, wie z.B. Schinkenfleckerl oder Fiakergulasch. Das bieten heute nur noch wenige Lokale an. Und für unsere weiblichen Gäste gibt es leichte Salate.

 

Vielen herzlichen Dank für das Interview lieber Niki Neunteufel!

 

Foto-Credit: Niki Neunteufel,  Andi Novotny

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